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Wenn Bodenmais bebt…

…dann ist Wolfauslassen. Was es mit dem Brauch auf sich hat

Es ist der 10. November, der Nebel hängt tief. Die Bayerwaldberge versinken im tristen Grau. Und durch ganz Bodenmais hallt ein dumpfes, bedrohliches Grollen. Der Grund: das „Wolfauslassen“, ein Brauch, der noch aus der Zeit stammt, als Waldhirten das Vieh auf den Wiesen und Bergweiden des Bayerischen Waldes vor Wölfen und anderen Gefahren schützen mussten. Den Kühen hängte man dazu Kuhglocken um den Hals, deren Geläut die Wildtiere abschrecken sollte. Das „Gebimmel“ diente außerdem dazu, verlorenes Vieh wieder zu finden. Zudem schnalzte der Hirte immer wieder mit seiner „Goaßl“ – einer bestimmten Art Peitsche, die laut knallt. Am Ende des Hirtenjahres trieb der Hirte das Vieh hinab ins Dorf und forderte von den Bauern seinen Lohn. Um diesen einzutreiben, und um sich über das erfolgreiche Hirtenjahr zu freuen, schnallten sich alle Hirten sowie die Knechte und Mägde selbst Glocken um und schnalzten mit ihren „Goaßln“.

In Bodenmais wird dieser Brauch heute noch gelebt. Traditionell findet das „Wolfauslassen“ am 10. und 11. November statt. Für viele junge Waidler ist dieser Termin schon das ganze Jahr über fest im Kalender vermerkt. In mehreren Gruppen finden sich die „Wolfauslasser“ zusammen. Eine dieser Gruppen sind die „Heuern“, die es bereits seit 1974 gibt und die alljährlich mit bis zu über 100 „Woiferern“ die größte Gruppe in Bodenmais stellen. Aber auch die „Hewerler“, die „Federler“, die „1. Bodenmaiser Wolfauslasser“ sowie Gruppen aus den umliegenden Dörfern wie die „Oberrieder“, die „Zellertaler“, die „Auerkieler“ und die „Grafenrieder Wolfauslasser“ bringen jedes Jahr am 10. und 11. November Bodenmais zum Beben. 

Gegen 17 Uhr finden sich die ersten „Wolfauslasser“ am Treffpunkt ihrer Gruppe ein, schnallen sich ihre Glocken um, die bis zu 80 Zentimeter hoch und 40 Kilogramm schwer sein können. Der traditionelle Filzhut darf natürlich nicht fehlen. Nach einer stärkenden Brotzeit und einer Halbe Bier geht’s los. Der Chef der Gruppe, der Hirte, mit seiner „Gard“, einem Hirtenstock, in der Hand, schart seine „Woiferer“ um sich. Die „Goaßlschnalzer“ schwingen ihre „Goaßln“ – ein ohrenbetäubender Knall ertönt. Der Hirte ruft zu seinem Wolf, dieser erwidert – und dann beginnt das tiefe, durch das ganze Dorf hallende Geläut. Ein Gänsehaut-Gefühl. In Reih und Glied zieht der Tross wie eine Donnerwalze durch den Ort, von Wirtshaus zu Wirtshaus, von Bauernhof zu Bauernhof und zur Dorfprominenz. Vor jeder Haustür wird kräftig geläutet, bis der Hausherr die Tür öffnet. Dann hebt der Hirte seinen Stock und gibt damit den Befehl zum Aufhören. Der Hirte sagt nun seinen Hirtenspruch auf, dann wird wieder kräftig geläutet, bis der Hausherr das „Hirtengeld“ herausrückt. In der Regel ist noch eine kleine Brotzeit und Bier für die ganze Gruppe mit dabei. Bis in die Nacht hinein wird am ersten Tag des Wolfauslassens durch das Dorf marschiert. Die schweren Glocken zerren zunehmend an den Kräften. So klingt der Tag bei einem gemütlichen Zusammensein, einer warmen Kartoffelsuppe oder Gulasch und bei zünftiger bayerischer Volksmusik aus.

Auch Kinder, meist junge Burschen, ziehen in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Mann bereits nachmittags von Tür zu Tür und machen es den „Großen“ nach. Für die kleinen „Woiferer“ gibt es natürlich immer ein paar Euro, mit denen sie sich ihr Taschengeld etwas aufbessern.

Am zweiten Tag des Wolfauslassens, dem Martinstag am 11. November, geht es mit schweren Schultern, schmerzendem Rücken und einem Pfeifton im Ohr weiter. Am Abend, nachdem die Wolfauslasser-Gruppen wieder durch das Dorf marschiert sind, wartet der Höhepunkt, das „Zusammenläuten“ aller auf der „Kejbruck“ (Kuhbrücke). Über 1000 Zuschauer kommen jedes Jahr und lassen sich das Spektakel nicht entgehen. Rund 400 Wolfauslasser und mehrere „Goaßlschnalzer“ und Hirten bringen die „Kejbruck“ zum Beben. Gut eine Stunde dauert das ohrenbetäubende Geläut. Trotz kalter Herbst-Temperaturen rinnt den „Woiferern“ der Schweiß. Ans Ablegen der Glocke ist aber nicht zu denken – jede Gruppe will die andere in der Lautstärke übertreffen. Nach dem „Zusammenläuten“ marschieren die Gruppen wieder zurück zu ihrem Treffpunkt und das Wolfauslassen neigt sich bei dem ein oder anderen Bierchen, einer warmen Mahlzeit und Musik und Gesang dem Ende zu.