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Auf den Spuren der Waldhirten

Eine Zeitreise ins 18. und 19. Jahrhundert, als hoch über Bodenmais noch Hunderte Kalbinnen und Stiere auf den Waldweiden und Schachten im Arbergebiet gehalten wurden

Bodenmais im 18. und 19. ­Jahrhundert. Es war eine beschwerliche Zeit. Die Menschen lebten vom Bergbau am Silberberg und von der Forst- und Landwirtschaft. Es war auch die Zeit der Waldhirten, die Kälber, Kühe und Rinder auf die Schachten und Waldweiden im Arbergebiet getrieben haben, um sie dort weiden zu lassen. Es war ein hartes Leben.

Immer am 1. Juni wurde das Vieh auf die Hochweiden gebracht, der Abtrieb erfolgte 132 „Weidetage“ später, am 10. Oktober. Den ganzen Sommer und Spätsommer lang lebten die Waldhirten abgeschieden auf den Schachten in kleinen, spärlichen Holzhütten. Die meisten Waldweiden liegen auf über 1000 Meter Höhe, die Hirten waren Wind und Wetter ausgesetzt. Sie lebten von der Milch der Ziegen, die sie mit hochgenommen haben. Und von dem, was ihnen Botenjungen vorbeibrachten. „Es war nicht viel, es gab Brot, Wurst, Käse. Aber es reichte“, erzählt Ludwig Fritz. Der ­61-jährige Bodenmaiser ist Nebenerwerbslandwirt und heute einer von drei verbliebenen „Weiderechtlern“. Bereits als junger Schüler verbrachte Fritz gemeinsam mit seinen zwei Brüdern viel Zeit beim Vieh auf den Schachten.

Das „Weiderecht“ gibt’s seit fast 500 Jahren

Das „Weiderecht“ geht auf das Jahr 1522 zurück, als die bayerischen Herzöge Wilhelm und Ludwig den Berg- und Hüttenleuten des Silberberges das sogenannte „Forstrecht“, das neben dem „Holzrecht“ auch das Recht zur Waldweide im Arbergebiet beinhaltete, gewährten. 1789 wurden die Rechte nochmals neu anerkannt.

Doch damals kam es immer wieder zu Streitereien zwischen der Forstwirtschaft und den Weiderechtlern. Vom Vieh verbissene junge Fichten und Trittschäden an den Wurzeln der Bäume durch die Hufe sorgten für Ärger. So nahmen viele Bauern das Angebot des Forstamtes an, gegen Geld oder Waldbesitz auf ihr Weiderecht zu ­verzichten. 1848 gab es 112 „Weiderechtler“, 1948 waren es noch rund hundert und heute sind es mit Ludwig Fritz, Heinrich Weinberger und Karl Probst nur noch drei. Auch ihnen drohte der Verlust des Waldweiderechts, denn 1984 beschloss der Bayerische Landtag zum Schutz der Bergwälder das Recht abzulösen. Doch vier Bodenmaiser „Rechtler“, neben Fritz, Weinberger und Probst war damals auch Friedrich Bauer mit dabei, widersetzten sich und durften das Waldweiderecht behalten.

Herbert Trauner, mit 78 Jahren Hirte aus Leidenschaft

So können die verbliebenen „Rechtler“ die jahrhundertelange Tradition der Waldweiden fortführen. Mit Herbert Trauner haben sie einen leidenschaftlichen Hirten gefunden, der sich trotz seiner 78 Jahre noch immer fleißig um das Vieh auf den Schachten kümmert. Trauner war gerade einmal 13, als er 1952 das erste Mal nach der Schule und in den Ferien gehütet hat. Sein Lohn war die Verpflegung, bestehend aus Brot, Suppe und Sterz. Jetzt ist er in der Rente und arbeitet wieder als Hirte. Trauner liebt die Natur und die Ruhe auf den Schachten.

Freilich, um so viele Kalbinnen (­weibliche Rinder, die noch nicht gekalbt haben) und Stiere wie seine Kollegen im 18. und 19. Jahrhundert muss er sich nicht mehr kümmern. Im Zeitraum zwischen 1845 und 1944 waren es insgesamt 50 528 Stück Großvieh, das den Sommer auf den Hochweiden überdauerte. Heute treiben Hirte Trauner und seine Kameraden jährlich noch 21 Kalbinnen und Ochsen hinauf.
Dabei konzentriert sich die Beweidung auf sieben Schachten, die mittlerweile eingezäunt wurden: Hochzellhüttenschachten (1208 Meter), Diensthüttenschachten (auch Kleine Hütte genannt; 1132 Meter), Buchhüttenschachten (1170 Meter), Mittagsplatzl (1340 Meter), Große Arberhütte (1224 Meter), Bodenmaiser Mulde (1300 Meter) und Bürstling (1200 Meter). Auf diesen Bergweiden befinden sich noch immer Übernachtungshütten für die Hirten.

Wanderer werden noch heute vom Glockengebimmel begrüßt

Naturliebhaber, die von Anfang Juni bis Mitte Oktober über die Arberschachten wandern, können die alten Hütten und das Gebimmel der Kuhglocken also noch heute bestaunen.

Übrigens: Das Glockengeläut hilft den Hirten, verloren gegangenes Vieh wiederzufinden. „Es kam des Öfteren vor, dass im dichten Wald oder bei starkem Nebel ein Tier verschwand. Durch das Geläut konnte es der Hirte wiederfinden“, erzählt ­„Weiderechtler“ Ludwig Fritz.
Die Hochweiden dienten damals vor allem der Jungviehhaltung und der Aufzucht von Ochsen. „Da die Weideflächen unten im Tal beschränkt waren, brachte man das Vieh auf die hochgelegenen Schachten“, erklärt Fritz. Die Waldwiesen mit ­nahrhaften Gräsern und Blumen waren das ideale Futter und der wurzel- und steinreiche ­Waldboden das perfekte Training für das Jungvieh.

Die Tradition der Schachtenhaltung lebt weiter

Die verstärkte Milchviehhaltung, die ab 1950 im Bayerischen Wald immer mehr Einzug hielt, hat die Haltung auf den Schachten zunehmend zurückgedrängt. Doch Ludwig Fritz und seine Kollegen erhalten die Tradition der Schachten mitsamt Auf- und Abtrieb des Viehs weiterhin am Leben. In den vergangenen Jahren wurde sogar das damit verbundene Schachtenfest beim Peterbauern wieder gefeiert.

Wie die Hirten früher ihren Lohn eingefordert haben, lesen Sie in der nächsten Ausgabe des „Unterm Silberberg“. Denn dann geht es um den damit verbunden Brauch des „Wolfauslassens“. Seien Sie gespannt!
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Dieser Artikel basiert unter anderem ­auf Informationen aus dem Buch ­„Bodenmaiser und die Bomoesser“ von Prof Dr. Reinhard Haller

 

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