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Als im Woid noch geflogen wurde

Vor genau 70 Jahren, am 30. Januar 1949, wurde die Rißlochschanze eröffnet. Ein Rückblick auf die historischen und abenteuerlichen Bodenmaiser Skisprung-Zeiten

Heute ist das Rißloch in Bodenmais mit seiner Schlucht, den Rißlochwasserfällen und dem Hochfall eines der schönsten und bekanntesten Wandergebiete im ganzen Bayerischen Wald. Was viele nicht mehr wissen: Einst strömten Massen an Zuschauern ins Rißloch, aber nicht wegen der herrlichen Natur, sondern um Skispringer zu sehen! Tausende Menschen verfolgten ab den 1950er Jahren die Skisprungwettbewerbe auf der Rißlochschanze.

Bereits 1946, nur ein Jahr nach dem Zeiten Weltkrieg, begann der Bau der Skisprungschanze. Federführend war damals der TSV Bodenmais um die Initiatoren Rudi Wölfl, Alois Heimerl, Siegfried Weikl und Georg Haller, die auf die Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Josef Weikl sowie auf Geldgeber Siegfried Marschner bauen konnten.

Nicht einmal drei Jahre später, am 30. Januar 1949, fand dann der erste Wettbewerb im Rißloch statt. Die Leute zeigten sich fasziniert vom Skispringen, schauten begeistert zu, wie die wagemutigen Springer durch die Lüfte flogen. 1951 wurde die Rißlochschanze dann zur 60-Meter-Schanze vergrößert.

Auf der Rißlochschanze wurde über 80 Meter weit gesprungen

Bis ins Detail ausgereifte Ski aus Verbundstoffen wie Carbon gab es damals noch nicht. „Anfangs waren das einfache Holzski mit mehr schlechten als rechten Bindungen. Erst später kam Kunststoff hinzu“, weiß Charly Rödl. Der heute 71-Jährige erinnert sich noch sehr gut an die damaligen Zeiten. Der Bodenmaiser war selbst Skispringer und schaffte es sogar bis in die ­deutsche Nationalmannschaft. Zur Schanze hin ging’s zu Fuß – mit der schweren Ausrüstung im Gepäck. „Und selbst die Piste mussten wir platttreten“, erklärt Rödl. Und auch der Sprungstil war seinerzeit ein anderer, die Skier wurden parallel gehalten. Der heutige V-Stil kam erst viel später. „Der ­Rekord auf der alten Holz-Schanze liegt bei 68 Meter, auf der erweiterten Schanze wurden Weiten über 80 Meter erzielt“, berichtet er.

12 000 Zuschauer: „Die Züge standen bis raus zum Böhmhof“

Vor allem die internationalen Wettbewerbe in den 1950er Jahren zogen Skisprungfans aus ganz Europa nach Bodenmais in den Bayerischen Wald. „Damals fuhren Sonderzüge zu den Skisprungwettbewerben, nicht selten standen die Waggons bis raus zum Böhmhof“, erinnert sich Charly Rödl. „Das war so etwas wie der Beginn des Tourismus hier bei uns“, erklärt er.

Viele damals sehr bekannte Skispringer wie die deutschen Skisprung-Pioniere Toni Brutscher, Sepp Weiler und Hermann Anwander oder der Österreicher Josef Bradl, der 1936 als erster Mensch auf Skiern über 100 Meter weit sprang, stürzten sich über die Rißlochschanze. Aber auch Springer aus Finnland, Norwegen oder Schweden kamen nach Bodenmais. Am 8. März 1958 wurde ein Zuschauerrekord aufgestellt, als 12 000 Menschen das internationale Springen im Rißloch verfolgten.
 


Ein Goldring oder ein Moped für den Sieger

Bei den Preisen wurde geprotzt. „Die Sieger der damaligen Wettbewerbe erhielten meterhohe Pokale im Wert von mehreren Tausend D-Mark. Auch über Goldringe oder mal ein Moped durften sich die besten Springer freuen“, erzählt Charly Rödl. 1958 fand dann das letzte internationale Springen statt. „Es fehlten die Idealisten und das Geld, um die kostspieligen Wettbewerbe weiterhin finanzieren zu können“, begründet der frühere Skispringer.

Fast jeder Ort hatte seine eigene Schanze

Doch dem Skispringen an sich tat dies zunächst keinen Abbruch. „Neben der Schanze in Bayerisch Eisenstein war die Rißlochschanze seinerzeit die größte im Bayerischen Wald“, weiß Charly Rödl und ergänzt: „Früher gab es in beinahe jedem Ort eine Skisprungschanze. Allein in Bodenmais gab es mehrere kleine Schanzen, auf denen sich die Leute im Skispringen versuchten. Fast jedes Wochenende war
ein Wettbewerb.“

Charly Rödls Rekord: 142 Meter in Planica!

In den 1960er Jahren zählte die Sparte Skisprung des TSV Bodenmais rund 20 aktive Springer. Mit dabei war auch Charly Rödl, der bereits im Alter von 10 Jahren mit dem Skispringen anfing und mit 12 erstmals die große Rißlochschanze bezwang. Seine beachtliche Weite damals: 45 Meter! Seine persönliche Bestweite mit 142 Meter flog er auf der berühmten Skiflugschanze im slowenischen Planica. „Das war schon ein außergewöhnliches Gefühl“, erinnert er sich an den Sprung. Von 1966 bis 1969 gehörte Rödl der deutschen Nationalmannschaft an. „Irgendwann wurde das aber zu viel Aufwand, vor allem finanziell. Mein Vater hat mich immer unterstützt, hat seine letzte D-Mark gegeben und war auch jahrelang Spartenleiter der Skispringer beim TSV“, erzählt er.

Fehlendes Geld, fehlende Förderer und immer weniger engagierte Freiwillige waren auch die Gründe dafür, warum das Skispringen im Rißloch aufhörte. Der letzte Wettbewerb fand 1974 statt. Zwar wurden 1980 im Miesleuthenweg noch zwei kleine Mattenschanzen für den Sommerbetrieb errichtet, doch wurden diese bereits 1997 wieder abgerissen. Und auch im Rißloch ist bis auf den Schanzentisch nichts mehr von der Skisprungschanze übriggeblieben.  Allerdings ist die Schneise der Schanze mit ein bisschen Fantasie noch zu erkennen. Bei einer Wanderung ins Rißloch können Sie sich also noch an die alten Bodenmaiser Skisprung-Zeiten zurückerinnern!

 

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